Exkurs: Paranoia

Paranoia

Es gibt eine ganze Reihe von Definitionen für Paranoia, deutsch: wahnhafte Störung. Das weltweit wichtigste Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen (ICD) legt unter der Kennziffer ICD10/F22.0 fest:

Wahnhafte Störung
Eine Störung charakterisiert durch die Entwicklung eines einzelnen Wahns oder mehrerer aufeinander bezogener Wahninhalte, die im allgemeinen lange, manchmal lebenslang, andauern. Der Inhalt des Wahns oder des Wahnsystems ist sehr unterschiedlich …

Der deutsche Psychiater und Philosoph Karl Jaspers (1883-1969) definierte Wahn mittels dreier Kriterien:

  1. subjektive Gewissheit,
  2. Unkorrigierbarkeit durch Erfahrung und zwingende Schlüsse,
  3. Unmöglichkeit des Inhalts.

Bereits in meinen Ausführungen zum Religionsbegriff verwies ich auf die Tatsache, dass diese Kriterien exakt auch auf Religion zutreffen. Es ist schwierig, eine Definition für Paranoia zu finden, die nicht für das Phänomen Religion zutrifft.

Der mexikanische Arzt und Psychoanalytiker Dr. Raúl Páramo-Ortega behandelt (zustimmend) in seinem Aufsatz Überlegungen zu Paranoia und Religion die Frage:

Ist es berechtigt, Religion als eine positive Form der Paranoia zu bezeichnen (insofern sie trostspendend wirkt), und Paranoia als eine negative Form der Religion (insofern sie Angst macht)?

Ich habe hierzu zwei Anmerkungen:

  1. Religion wirkt keineswegs immer trostspendend, wie ich in meinem Exkurs: Hiob beispielhaft belege.
  2. Wenn eine Differenzierung zwischen Paranoia und Religion nur mittels nicht zutreffender Zuschreibungen (insofern …) möglich ist, sollte man das schlicht sein lassen und feststellen:

Religion ist eine spezielle Form der Paranoia.

Zu letzterer Diagnose kommt auch Sigmund Freud, indem er Religion als Massenwahn definiert:

Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glückversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Ich schließe mich hier Freud voll an – und zwar in doppelter Hinsicht:

Zum einen ist seine Definition zutreffend: Eine Neurose ist individuelle Religiosität, und Religion ist eine universelle Zwangsneurose. (wiederum Freud)
Zum anderen handelt es sich um eine ärztliche Diagnose. Wie Freud liegt es mir fern, Patienten, die an Religion oder anderen Psychosen leiden, in irgendeiner Form anzugreifen.

Ganz anders verhält es sich aber mit jenen, die den Gotteswahn für ihre Machtgelüste instrumentalisieren. Ihnen gilt meine offene Feindschaft.

siehe:

Text

Evolution

kirchliche Widerstände

Ende des Terrors

Aufklärung

Was verlieren wir mit der Religion?

Was ist ein Elefant?

Blasphemie?

Stichworte

Darwin, Charles

Freud, Sigmund

Kreationisten

Exkurse

Gebet

heilig

Hyperthesen

Ignostizismus

Religionsbegriff

sola gratia

Bilder

Luther

Taquiyya