Evolution

Im Abschnitt zuvor wurde deutlich gemacht, dass bestimmte Merkmale, wie zum Beispiel sich nach Licht auszurichten, vorteilhaft für das Überleben sind. Von diesem Vorteil profitiert nicht nur die individuelle Pflanze in unserem Gedankenexperiment, sondern auch deren Nachkommen, denn Merkmale werden vererbt, wie zum Beispiel Darwins Zeitgenosse Gregor Mendel nachwies.

Es kann also eigentlich niemanden verwundern, wenn sich Eigenschaften wie die Fähigkeit, sich nach Licht auszurichten, durchsetzen, wenn also die fähigen Pflanzen überleben, die unfähigen absterben; survival of the fittest, das Überleben des Tüchtigsten eben, wie Darwin formulierte.

Entwicklung des Auges

Die Fähigkeit, auf Licht zu reagieren, soll hier als Beispiel für das Prinzip der Evolution angeführt werden. Bei unserem Keimling würde man noch nicht von einem Sehvermögen sprechen wollen. Gleichwohl: Pflanzen verfügen über Eiweißmoleküle, die auf Licht reagieren. Diese wiederum regulieren über elektrochemische Reaktionen die Bewegung der Pflanze. Letztlich funktioniert unser Auge nicht anders: Licht fällt auf spezielle Moleküle, die durch diesen Reiz ebenfalls zu einer elektrochemischen Reaktion veranlasst werden, welche dann zu Nervenimpulsen führen.

Es wäre ein irrwitziger Irrtum anzunehmen, dass die Entwicklung des Auges eine Sache von einer kurzen Zeitspanne sei. Es handelt sich hier um sehr langsame Prozesse, die über 500 Millionen Jahre, seit dem Kambrium nämlich, natürlicher Auslese in Anspruch nahmen. Ein weiterer Irrtum allerdings ist, niemand könne heutzutage derartig verwirrt sein, eine kurze Zeitspanne anzunehmen. Ich werde darauf zurückkommen.

Anderseits ist freilich ernsthaft zu erwägen, dass das Universum erst seit letztem Donnerstag besteht.

Evolution des Auges

In der Abbildung sind einige Entwicklungsstufen abgebildet. 1 zeigt ein Flachauge, also eine Anhäufung von flach angeordneten Sinneszellen. Sie ermöglichen lediglich eine Hell/dunkel-Unterscheidung und kommen zum Beispiel bei Quallen und einigen Würmern vor. Eine grobe Richtungsbestimmung des einfallenden Lichts ist mit Grubenaugen (2) möglich. Sie kommen bei Lanzettfischchen vor. Eine weitere Entwicklung sind das Lochauge (3) und das Blasenauge (4). Sie funktionieren wie eine Lochkamera, die ja bereits Abbildungen von einer gewissen Schärfe schafft. Joseph Nicéphore Niépce Das abgebildete Schwarz-Weiß-Foto wurde 1826 von dem Franzosen Joseph Nicéphore Niépce mit einer solchen Lochkamera, einer Camera obscura, auf lichtempfindlichem Asphalt gemacht. Es handelt sich um die erste Fotografie überhaupt. In der weiteren Evolution bildeten sich einfache Linsen aus (5), die noch schärfere Bilder als Lochkameras erzeugen. Sie kommen bei bestimmten Würfelquallen vor. (Schon erstaunlich: Es gibt Quallen mit Flachaugen und welche mit Linsenaugen.) Bild Nummer 6 schließlich zeigt ein Wirbeltierauge, wie es auch der Mensch hat. Es hat eine flexible Linse, die Objekte in verschiedenen Entfernungen darstellen kann und eine Iris, die die Öffnungsgröße für den Lichteinfall variieren kann, entsprechend der Blende einer modernen Kamera. Darüber hinaus sind unsere Augen beweglich.

andere Wege

Interessanterweise haben auch Tintenfische ganz ähnliche Augen, die freilich auch ganz ähnlich funktionieren. Sie haben sich aber auf völlig anderem Weg entwickelt. Das wird in der jeweiligen Entwicklung als Embryo deutlich: Wirbeltieraugen sind Ausbuchtungen des Gehirns, Tintenfischaugen sind Einstülpungen der Haut.

andere Wege

Die Evolution ging allerdings auch ganz andere Wege, wie Insektenaugen zeigen. Diese sind keine Löcher, in deren Innerem lichtempfindliche Zellen angeordnet sind, sondern Facettenaugen, nach außen gewölbte Kugelabschnitte, in denen sich lichtempfindliche Zellen befinden.

Selektionsdruck

Kerguelen-Fliege

Die geschilderte Entwicklung des Auges geschieht keineswegs zufällig. Wie mit dem Schlagwort survival of the fittest, Überleben des Tüchtigsten, bereits angedeutet, bedingen unterschiedliche Merkmale unterschiedliche Chancen im Struggle for life, im Kampf ums Leben. Hierbei spielen die vorherrschenden Bedingungen, die die Lebewesen vorfinden, eine entscheidende Rolle – sie üben einen speziellen Selektionsdruck aus, wie es Biologen formulieren.

Das Beispiel der Kerguelenfliege verdeutlicht das. Dieses Insekt hat Stummelflügel, was für Fliegen üblicherweise nachteilig ist: Es kann so seinen Feinden weniger gut entkommen. Anders auf den Kerguelen, einer Inselgruppe im Indischen Ozean zwischen Südafrika und der Antarktis. Dort herrschen ständig derartige Stürme, dass Fliegen mit ausgebildeten Flügeln ins Meer geweht werden würden. Der Selektionsfaktor Sturm bevorzugt also flügellose Insekten, von denen es folglich mehrere Arten auf dieser Inselgruppe gibt.

andere Wege

Denken, der 6. Sinn

Die Darstellung der Evolution des Auges soll als Beispiel für die Tatsache der Evolution überhaupt und für deren Besonderheiten dienen. Letztlich sind alle Merkmale lebender Kreaturen Produkte einer langen Evolutionsreihe, so auch sechs Arten der Sinneswahrnehmung. Die ersten fünf sind geläufig: Sehen, Riechen, Hören, Schmecken, Tasten. Das Prinzip der evolutionären Entwicklung wurde bereits am Beispiel des Auges aufgezeigt; für die übrigen der üblicherweise genannten Sinnesorgane gilt das entsprechend.

Der Buddhismus nennt noch einen weiteren Sinn: das Denken. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass auch dieser Sinn nach den Gesetzen der Evolution entstand und sich weiter entwickelt.