ruach

Exkurs: heilig

Mit dem Begriff heilig verbinde ich, solange ich denken kann, lächerlich, albern, unsinniger Hokuspokus.

Trotzdem bemühe ich mich, diesen Begriff zu verstehen. Wikipedia definiert: einer Sphäre des Göttlichen, Vollkommenen oder Absoluten angehörig – ebenfalls Worthülsen, mit denen ich nicht sonderlich viel anfangen kann. Immerhin: die gesamte Bibel wird als heilige Schrift halluziniert.

Der entsprechende lateinische Begriff sacer bedeutet sowohl heilig, geweiht als auch verrucht, verabscheuenswert. Diese merkwürdige Doppelbedeutung ist auch im Deutschen zu finden: heilig's Blechle!, heilige Einfalt!, heiliger Strohsack! … . Die englischen Ausrufe holy shit! und holy mackerel! (heilige Makrele!, auch ein Ausruf des Erstaunens) gehen ebenfalls in diese Richtung. Im Übrigen bedeutet das französische sacré neben heilig auch verflucht. Sigmund Freud bezeichnete den Begriff heilig als Oppositionswort und meinte hiermit eben diese Ambivalenz, diese radikale Zweideutigkeit.

Ich selbst sehe keine Zweideutigkeit, sondern eine Nulldeutigkeit, eine Worthülse eben (nicht zu verwechseln mit Nudeldeutigkeit!). Diese hat für mich eine Signalfunktion für besonders hirnrissige Abartigkeiten religiösen Wahns. Hierzu drei Beispiele:

Dreieinigkeit

Heiliger Geist

Der Heilige Geist ist in der Hitliste der hirnrissigen Abartigkeiten weit vorne anzusiedeln. Jenes Ding ist nur heißer Wind (ruach / rûaḥ, die hebräische Bezeichnung im alten Testament dafür, bedeutete zunächst Wind), kann aber nicht nur blasen, sondern offensichtlich auch ejakulieren, wie er per Zeugung von Jesus bewiesen hat. Er hat sich im Sinne der heiligen Dreieinigkeit allerdings selbst gezeugt – Maria wurde also von ihrem eigenen Sohn geschwängert, um diesen zu produzieren. Merke: 3=1. Je mehr man über diese Albernheiten nachdenkt, um so unwiderstehlicher wird der Lachreiz.

Heiligsprechung

Um heilig zu sein, bedarf es schon besonderer Tricks. Die Sache mit der Selbstzeugung ist schon eine große Nummer. Etwas kleiner geht es auch. Es reicht zum Beispiel, einen Arzt unter Druck zu setzen, damit dieser eine Wunder-heilung attestiert. Genau das geschah im Rahmen der Heiligsprechung der famosen Mutter Teresa. Diese ist fraglos eine Heilige der Sonderklasse, deren überstürzte Beförderung durch den heiligen Vater (noch so ein Ding!) ein bezeichnendes Bild auf den christlichen Begriff von Heiligkeit wirft.

heilige Kuh

heilige Kuh

Nein, es geht hier nicht um die grotesk anmutenden Besonderheiten des Hinduismus. Ich verstehe zu wenig davon, um mich hierüber auszulassen. Es geht vielmehr um die Redewendung eine heilige Kuh schlachten.

Mit heiliger Kuh ist umgangssprachlich ein Tabu gemeint, also etwas, das nicht angetastet werden darf, an dem nicht zu rütteln ist – eine Metapher mit Blick auf die hinduistische Verehrung jener Wiederkäuer. Da aber – auch das impliziert die Redewendung – dieses Tabu zu Unrecht besteht, ist diese Kuh eben zu schlachten.

Hier zeigt sich, dass der Wortwitz der Umgangssprache bisweilen Schätze der Einsicht birgt: Es ist durchaus probat, etwas als heilig zu erklären und es damit zu tabuisieren. Es wäre ein Sakrileg, über Heiliges ernsthaft nachzudenken oder es gar zu kritisieren. Ein Beispiel ist die heilige Inquisition: Die Folterer versahen laut kirchlicher Einschätzung ein sanctum officium (heiliges Amt), was ihnen haarsträubende Verbrechen erlaubte, mehr noch: diese forderte.

Die Ethik gebietet, solche heiligen Kühe zu schlachten – ungeachtet der von der Kirche postulierten perversen Moral. Auch eine solche Moral ist ein probates Mittel zur Unterbindung unliebsamer Kritik. Hierauf bin ich in einem eigenen Kapitel ausführlich eingegangen.

Fazit

Wer mir vorwirft: Dir ist aber auch gar nichts heilig!, hat in der Sache völlig Recht, in der Intention irrt er allerdings grundlegend. Ich verstehe das nämlich nicht als Vorwurf, sondern als Kompliment.