Moral – eine Perversion der Ethik

Die Begriffe Moral und Ethik werden meist synonym verwendet. Insofern erscheint die Überschrift absurd. Um mein Statement zu begründen, ist eine klare Differenzierung dieser Vokabeln unabdingbar. Dieses Vorhaben bedarf trotz allen Bemühens um Prägnanz einer Menge Text. Ich meine, das zumuten zu dürfen. Wer dem nicht folgen mag, soll bitte weiter klicken (Pfeil nach rechts).

Es ist hilfreich, sich die Ethikkommission der Ärzteschaft zu vergegenwärtigen. Man möge sich vorstellen, dieses Instrument Moralkommission zu nennen. Bei dieser Idee sträuben sich mir – und wohl auch meinen geneigten Lesern – die Nackenhaare. Moral und Ethik sind also nicht identisch.

Ärzte versuchen, verbindliche Grundsätze ihres Handelns im Sinne eines allgemeinen Konsens festzulegen. Das ist alles andere als einfach. Seit 1964 wurde die zugrunde liegende Deklaration von Helsinki neunmal revidiert. Wo liegt die Schwierigkeit? Man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Maximen einfach nur widerspruchsfrei sein, also der Logik entsprechen müssten. Das ist zwar eine notwendige Voraussetzung, leider aber keine hinreichende, um den Jargon der Aussagenlogik zu benutzen. Das bedeutet: Logik muss sein, reicht allein aber nicht. Näheres zur Logik habe ich in einem Exkurs ausgeführt.

Logik in diesem Sinne beschäftigt sich mit Verknüpfungen von Aussagen, legt fest, ob die hieraus resultierenden Schlüsse auf korrekte Weise zustande gekommen sind. Ganz wesentlich ist aber der Inhalt der zugrunde liegenden Aussagen, denn aus Unsinn kann man logisch korrekt Unsinn schließen.

Auf die betrübliche Tatsache, dass wir die Welt nur mittelbar, nämlich über unsere Sinneseindrücke wahrnehmen können, werde ich noch ausführlich zurückkommen, indem ich die Frage kläre: Was ist ein Elefant?. Was wir gemeinhin Fakten nennen, ist also lediglich ein Bild, das uns durch unsere Sinne mehr oder weniger verzerrt projiziert wird. Bisweilen bilden diese Projektionen Dinge ab, die gar nicht existieren.

Hier geht es jedoch um die Wertung dieser an sich schon sehr subjektiven Eindrücke – ein höchst subjektives Unterfangen! Diese Wertung geschieht zunächst automatisch, wie ich schon erwähnte.

Man kann es kaum vermeiden, alles umgehend nach angenehm / unangenehm / gleichgültig einzuordnen und damit in der Regel auch nach dem Überleben zu- / abträglich. Das ist auch unbedingt notwendig, denn rasche Entscheidungen sind unter Umständen lebensrettend und damit ein evolutionärer Vorteil.

Ähnlich wie das optische Sehvermögen sich evolutionär entwickelte tat es auch die Optik hinsichtlich Wertungen. Die Besonderheit der zweitgenannten Entwicklung ist jedoch deren Beschleunigung. Während die Architektur des Auges änderte sich in Jahrmillionen, die der Bewertungen immer schneller, jetzt atemberaubend schnell.

Bleiben wir aber bei den Anfängen. Es ist durchaus von evolutionärem Vorteil, nicht nur unmittelbar zu bewerten (Die Beeren dieses Strauchs sind lecker / bitter.), sondern auch langfristige Folgen zu erwägen (Wenn ich jetzt hilfsbereit bin, könnte ich später davon profitieren.).

Bonobo

Genau dieses Verhalten, nämlich Hilfsbereitschaft, Solidarität, Mitgefühl lässt sich schon bei unseren nahen Verwandten, den Primaten, beobachten. Bonobos zum Beispiel sind ausgesprochen friedliche Zeitgenossen. Sie lösen ihre Konflikte in der Regel auf die einvernehmlichste Art, die überhaupt denkbar ist, nämlich mittels Sex. Sie kopulieren statt zu prügeln. Es sei nicht verschwiegen, dass Schimpansen eher anders herum verfahren. Sie liefern sich regelrechte Kriege.

Mehr noch als andere Primaten ist der Mensch in der Lage, seine Umgebung nicht nur wahrzunehmen und reflexhaft zu werten, sondern abzuwägen. Hierbei unterliegt er komplexen Mechanismen, angefangen von Vorgaben durch ererbten Instinkt bis hin zum bewussten Kalkül. Hieraus ergibt sich durchaus ein Handeln, das nicht ausschließlich die eigenen Interessen, sondern die der anderen berücksichtigt. Der Mensch ist mehr noch als andere Tiere fähig, sich in andere Individuen hineinzuversetzen und deren Interessen zu erkennen. Diese gilt es nun mit den eigenen ins Verhältnis zu setzen und so einen Kompromiss zu finden.

Es ist auf Dauer sinnvoll, nicht kurzsichtig egoistisch zu handeln, den anderen nicht für einen vermeintlichen eigenen Sofortgewinn zu übervorteilen, denn man trifft sich häufig mehrmals und beim nächsten Treffen könnten die Chancen anders verteilt sein. Der Mensch ist sogar in der Lage, sich fair zu verhalten, wenn ein späteres Treffen ausgeschlossen ist.

Genau das, Fairness eben, ist das, was Ethik ausmacht. Ethisches Verhalten bringt eigene und fremde Interessen in angemessener Wichtung in Einklang. Genau deswegen kann man sich selbst gegenüber nicht unethisch verhalten.

Onanie-Bandage

Das ist der wesentliche Punkt, der Ethik von Moral unterscheidet. Onanie, um ein deutliches Beispiel zu wählen, ist nicht unethisch, da selbstverständlich nicht unfair. Die abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung ist aber sehr wohl Thema der Moral.

Sünde ist ein zentraler Begriff moralischen Denkens. Der Moralist denkt in Kriterien wie gut und böse, nutzt eine Skala vorgegebener Wertungen, die mit denen der Fairness keineswegs immer deckungsgleich ist – ihnen nicht selten entgegengesetzt ist. Die Vorgabe der Moral ist beispielsweise das Gebot Gottes, also der vorgebliche Wille eines Phantasieproduktes. Diese Vorgabe nun ist nicht einer zweckfreien Lust am Fabulieren entsprungen, sondern verfolgt Ziele. Diese Ziele sind keineswegs immer auf Fairness ausgerichtet, sondern auf Macht.

Ganz anders ist das Kriterium der Ethik, die Fairness nämlich. Die Abwägung fair / unfair entspringt nicht unhinterfragbaren Vorgaben, sondern ist Ergebnis kritischen Denkens. Ethik ist damit als Instrument der Manipulation aus Machtinteressen ungeeignet, entlarvt solche perversen Bestrebungen sogar.

Moral

Pervers ist Moral in zweifacher Hinsicht:

Sie gibt erstens vor, absolut zu sein, also über jede Kritik erhaben, da göttlich. Moralisten sind somit von einer Hybris absurden Ausmaßes bestimmt.

Hieraus ergibt sich zweitens der Missbrauch dieser absoluten Vorgaben. Gut und böse werden für Machtinteressen instrumentalisiert. Dabei wird Unfaires, ja: Unmenschliches gern als gut deklariert. Ich zitierte im Abschnitt Warum dieser Dogmatismus? bereits Christopher Hitchens: Gute Menschen tun Gutes, schlechte Menschen tun Schlechtes. Damit gute Menschen Schlechtes tun braucht es Religionen.

In diesem Sinne bekenne ich mich als unmoralisch aus Überzeugung, ja als antimoralisch. Sicherlich: Die Moral diktiert partiell auch vernünftige Vorgaben. Die Basis der Moral jedoch ist inakzeptabel – und deren Konsequenzen daher oft nicht minder. Moral ist überflüssig, Maßgaben für menschliches Verhalten liefert die Ethik weit besser. Moral ist abzulehnen, ja zu bekämpfen, wenn unethisch, was nicht selten der Fall ist.

Diese Erkenntnis des eigentlichen Charakters von gut und böse muss nach religiösem Verständnis eine Sünde sein, eine Todsünde gar. Das ist der Grund, warum Gott das Essen vom Baum der Erkenntnis unter Todesstrafe stellte.

Auch der Dalai Lama kommt zum Ergebnis, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen brauchen. Ich habe diesen bemerkenswerten Text in einem Exkurs aufgeführt.

Vertiefende Ausführungen zum Thema finden sich im sehr lesenswerten Buch von Michael Schmidt-Salomon Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.