Exkurs: sola gratia

sola gratia

Allgemein bekannt ist, dass Dr. Martin Luther Zoff mit dem Papst hatte, dass er deswegen 95 Thesen verfasste, die er angeblich an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte. Weiter ist mehr oder weniger Allgemeingut, dass es unter anderem um den Ablasshandel ging, also um das Reinwaschen des Sündenregisters gegen Geldspende: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!

Gegen den Ablass-Schwachsinn zu opponieren, ist fraglos richtig. Es ist ein Unding, dass der Papst oder dessen Bischöfe ihre Macht über Gläubige ausnutzen, um ihre Geldgier zu befriedigen oder ihre Schulden zu bezahlen.

Gegen Schwachsinn zu opponieren, bedingt aber keineswegs hinreichend eine sinnvolle Position. Es kommt darauf an, was man dem Nonsense entgegensetzt. Luther hat eine antihumane Position eingenommen – mindestens ebenso abzulehnen, wie den Ablasshandel. Luthers Ideen sollen hier skizziert werden.

Luther war schon als junger Mann auffällig, um es vorsichtig zu formulieren. Die Legende behauptet, er sei mit 22 Jahren in ein Gewitter geraten. Aus Angst habe er die Oma von Jesus angerufen:

Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!

Die auch schon zu Luthers Zeiten recht betagte Dame hat ihn wohl erhört – jedenfalls begab sich Martin tatsächlich ins Kloster, wo er dadurch auffiel, dass er hinsichtlich der Ordensregeln eine gewisse Zwanghaftigkeit an den Tag legte. Das und seine täglichen Bußübungen nützten aber nicht: Er war trotzdem von seiner grundsätzlichen Sündhaftigkeit überzeugt:

Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt, dass sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, dass sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.

So tief auf sich selbst hin verkrümmt – der wortgewaltige Luther hat in diesem völlig verschwurbelten Satz eindrucksvoll seine Psychose beschrieben. Es ist der Wahn von der prinzipiellen Schuldhaftigkeit aller Menschen, von der Erbsünde, der die Psyche armer Opfer deformiert, verkrümmt.

Luthers spezielles Problem war das der Rechtfertigung: Wie konnte er, der Nachkomme der Apfelesserin, der deshalb in alle Ewigkeit Verdammte, mit Gott ins Reine kommen? Die Sünde des Obstverzehrs ist ja derartig schwerwiegend, dass der schwache Mensch sich hiervon nie und nimmer aus eigener Kraft lösen kann. Gute Werke bringen da gar nichts – wo kommen wir denn hin, wenn sich Gott durch moralisches Verhalten, durch Werkgerechtigkeit zur Sündenvergebung nötigen ließe? Vielleicht hat er ja gerade eine menschenverachtende Wette mit dem Teufel laufen.

Gott lässt sich also, so Luthers Erleuchtung, seine selbstherrliche Willkür nicht nehmen, auch nicht durch gute Taten. Das jedoch widersprach direkt der Ablass-Masche der Kirche. Diese nämlich hat die exklusive Deutungshoheit über gut und böse – ohne sich um Fragen rational begründeter Ethik zu scheren. Es kann da nicht wirklich verwundern, dass Geldspenden für diese Kleptokraten ganz besonders gut waren – und Luthers Ideen ganz besonders ärgerlich.

Wie nun kann der erb- und sonstwie -sündige Mensch Vergebung erlangen, vor ewigem Schmoren in der Hölle gerettet werden? Ganz klar: sola gratia nur durch die Gnade Gottes, die er explizit ungerecht gewährt – ungerührt davon, was seine Opfer auch immer unternehmen. Hiob kann ein Lied davon singen, wie diese Gnade aussehen kann …

Was wie eine Befreiung des Menschen aussieht, die Befreiung vom Zwang zum Ablass, entpuppt sich als das Gegenteil. Der Ablass vermittelte die Illusion, etwas für das Seelenheil unternehmen zu können – kompletter Unsinn, aber immerhin. Luthers Wahn von sola gratia, von der alsoluten und ausschließlichen Abhängigkeit von Gottes völlig willkürlicher Gnade ist noch inhumaner als die verlogene Geldeintreiberei.

Dieses Ausgeliefertsein, diese chancenlose Abhängigkeit von den Launen eines sich häufig grotesk sadistisch aufführenden Gottes, diese Reduktion auf einen Spielball göttlicher Gnade, diese Entmündigung hinsichtlich jeder Möglichkeit der Selbstbestimmung steht in fundamentaler Opposition zu jeder humanistischen Idee.

Wie an anderer Stelle sei hier noch einmal betont: Luther war Kind seiner Zeit – wenn auch bezweifelt werden darf, dass alle seine Zeitgenossen derartig auf sich selbst hin verkrümmt, sprich: psycho-pathologisch, waren. Heute ist wesentlich, dass die evangelische Kirche ihn noch immer als Vorbild stilisiert. Ich finde ihn in mehrfacher Hinsicht abstoßend.