Exkurs: Dogmatismus des Atheismus

beware of dogma!

Wie ich schon im entsprechenden Stichwort ausführte, ist der Begriff Atheismus problematisch. Er wird gern von Gläubigen eingesetzt, um zu unterstellen, dass der Atheismus auch ein Glauben wäre, nämlich der Glauben, es gebe keinen Gott und der Atheist verträte diesen Glauben dogmatisch.

Atheismus als Glaube

Atheismus, wie er hier vertreten wird, ist grundverschieden von religiösem Glauben. Ein mir bekannter Chemiker pflegte zu sagen: Glauben ist weniger als nicht wissen. Er ist leider schon lange tot. Ich verstehe ihn so:

Glaube ist das Ende des Denkens – nach dem Motto: Das musst du eben glauben.

Nicht wissen ist Motivation für weiteres Nachdenken, um das Unwissen zu überwinden, ein Anfang also.

Nun wird ein Religiöser einwenden: Was man definitiv nicht wissen kann, auch bei allem Nachdenken nicht, das muss man glauben. Richtig ist, dass man manches nicht wissen kann, zum Beispiel, ob es zwischen Erde und Mars eine Teekanne gibt, die um die Sonne kreist. Aus diesem Unwissen folgt aber keineswegs, dass man an diese Kanne glauben muss. Dass man überhaupt irgendetwas glauben muss, ist eine Idee, die typisch für die Denke abrahamitischer Religionen ist. Spätestens seitdem die Scheiterhaufen der Inquisition erloschen sind, muss man gar nichts glauben.

Wissen

Es ist Nicht-Dogmatikern offensichtlich, dass Wissen immer unter dem Irrtumsvorbehalt steht, also durchaus korrigiert werden kann. Das geozentrische Weltbild ist hierfür ein gutes Beispiel.

naturwissenschaftliche Wertigkeit des Wissens

Wissen

Zum Wissenserwerb sind unsere Sinne eine notwendige Voraussetzung. Da unsere Sinne die Wirklichkeit unvollkommen, bisweilen auch verzerrt wiedergeben, muss unser Wissen entsprechende Mängel aufweisen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder denkbare Wissensinhalt von gleicher Wertigkeit ist: Er kann den tatsächlichen Fakten mehr oder weniger entsprechen. Im Sinne der Naturwissenschaften ist Fakten-Nähe mit Wertigkeit des Wissens gleichgesetzt.

Es ergibt sich freilich die Frage, wie wir wissen können, wie nah wir mit unserem Wissen den Fakten sind, wenn wir sie nicht kennen können. Dieses Dilemma kann man durch sinnvolle Qualitätsmerkmale angehen.

Erklärung

Zum Beispiel kann man prüfen, ob eine Aussage wirklich erklärt, was sie zu erklären vorgibt. Die oben zitierte Teekanne erklärt hinsichtlich kosmologischer Fragestellungen nichts; niemand würde auf die Idee kommen, nach einer solchen Kanne übeghaupt zu fragen. (Hinsichtlich der Entlarvung eines häufigen Denkfehlers allerdings ist die Kanne von großem Wert!)

Das geozentrische Weltbild des Ptolemäus dagegen erklärt in der Tat sehr einleuchtend den Sonnenauf- und Untergang. Gleichwohl ist es falsch.

Zum Thema Lauf der Sonne haben die alten Ägypter übrigens auch eine interessante Hyperthese aufgestellt – aus heutiger Sicht ebenso absurd die Hypothese hinsichtlich der Teekanne.

Widerspruchsfreiheit

Es bedarf also weiterer Prüfkriterien. So ist es zum Beispiel von Interesse, ob die Aussage im Widerspruch zu anderen Beobachtungen steht. Das tut das geozentrische Weltbild hinsichtlich derer, die Galileo machte, allerdings. Der Irrtum der Geozentrik war somit zu korrigieren. Klingt einfach, ist es für naturwissenschaftlich denkende Menschen auch – die päpstliche Akademie der Wissenschaften gehört nicht zu dieser Kategorie.

Voraussagen

Widerspruchsfreie Erklärung der beobachtbaren Phänomene ist eine hohe, sehr hohe Messlatte – es gibt aber eine noch höhere: die zutreffende Voraussage unerwarteter Beobachtungen. Eine solche Voraussage ist nicht: Morgen geht die Sonne auf. Das liefert auch Ptolemäus. Solche Voraussagen sind zum Beispiel: Es gibt Dunkle Materie. oder: Die Raumzeit ist gekrümmt. Derartige Voraussagen wurden gemacht – und sie wurden bestätigt.

Es bedarf kaum der Erwähnung, dass die naturwissenschaftliche Wertigkeit religiöser Aussagen keiner der Prüfkriterien standhält. Sie liefert nicht einmal befriedigende Erklärungen, wie ich in meinen Bemerkungen zur Theodizee deutlich mache. Schon gar nicht taugt Religion zur Voraussage. Das hindert die Verfasser der heiligen Schriften nicht, Prophezeiungen zu machen. Die Bibel ist voll davon – sie sind regelmäßig falsch oder sie beziehen sich nebulös auf die Zukunft, sind also nicht überprüfbar.

moralische Wertigkeit des Wissens

Moral

Es ist leicht nachzuvollziehen, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht an Vorhersagen bezüglich Dunkler Materie und der Krümmung der Raumzeit interessiert ist – sie haben keine Ahnung, worum es sich überhaupt handelt. Es sei auch zugegeben: Es handelt sich um exotische Wissensgebiete. Ich habe die Beispiele gewählt, um unerwartete Voraussagen zu demonstrieren. Es gibt unzählige zutreffende Prognosen durch Naturwissenschaft auf alltäglichen Gebieten. Wo sie nicht zutreffen, wird die wissenschaftliche These korrigiert; zumindest aber wird eingeräumt, dass die These mangelhaft ist. Eine solche Stärke ist der Religion absolut wesensfremd.

Freilich: Die Bibel ist kein Lehrbuch der Physik. Früher war das anders: Biblische Aussagen wurden wörtlich genommen – heute machen das nur noch weltfremde Spinner. Heute wird die Unhaltbarkeit biblischer Aussagen bezüglich überprüfbarer Fakten mehr oder weniger stillschweigend akzeptiert. Die Heilige Schrift wird als Quell der sittlich-moralischen Erbauung und des Trostes gesehen.

sittlich-moralische Erbauung

Ich oute mich an anderer Stelle dieses Textes als zutiefst un- ja: antimoralisch aus Überzeugung und spreche der Moral, insofern sie von der auf Fairness begründeten Ethik abweicht, jeden Wert ab. Daher bin ich auch nicht geneigt, die hieraus resultierende Erbauung für erstrebenswert zu halten.

Trost

Manch einer hofft, in schweren Zeiten Trost und Halt in der Religion zu finden. In einem Exkurs zeige ich, dass dieser Trost nicht selten auf tönernen Füßen steht, ja vergiftet ist.

Fazit

Das in der Religion vermittelte Wissen hat mit Fakten, mit Realität nichts zu tun. Auch einen sonstigen Wert vermag ich nicht zu erkennen. Die als Moral verpackte Perversion anständigen Handelns steht dem vergifteten Trost in nichts nach – so sehe ich das.

Selbstverständlich kann ich mich in diesem harten, manche vielleicht verletzenden Urteil irren. Die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums scheint mir aber geringer, als diese bei dogmatischen Positionen ist – weit geringer. Der Grund hierfür liegt in der grundlegenden Schwäche des Dogmatismus, nämlich in der Unfähigkeit, Fehler zu erkennen und zu beheben.