Gottes-Beweise?

Gott mit uns

Zu allen Zeiten gab es Bemühungen, die Existenz Gott zu beweisen – meist, um ihn dann für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Ich könnte es mir leicht machen und von der hier schon ausführlich dargelegten Absurdität der Annahme der Existenz Gottes auf Unmöglichkeit solcher Beweise schließen.

Es ist zudem auch nicht klar, was eigentlich bewiesen werden soll. Solange Gott nicht eindeutig definiert ist, ist dessen Existenz schwerlich zu belegen – wie freilich auch dessen Nicht-Existenz. Dieses Dilemma begründet die Position des Igostizismus, dem ich einen Exkurs gewidmet habe.

Auf die prinzipielle Unmöglichkeit eines Gottesbeweises wies auch Immanuel Kant hin. Nur über das, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann, kann ich auch Erkenntnisse gewinnen, so argumentierte er in der Kritik der reinen Vernunft.

Trotz dieser grundsätzlichen Einwände gegen die Versuche, was für einen Gott auch immer zu beweisen, will ich mir hier das Vergnügen machen, einige auf- oder eher vorzuführen.

intelligent design

Es muss einen Schöpfergott geben, denn wie sonst hätten die Wunder der Schöpfung entstehen können? Das ist so offensichtlich, dass Wunder der Schöpfung zum geflügelten Wort wurde – so zumindest argumentieren Kreationisten.

Der Beleg für Unhaltbarkeit dieser Position durchzieht diese ganze Dokumentation wie ein roter Faden. Den klaren Beweisen von Charles Darwin und seinen Nachfolgern verdanken wir das Wissen von der Evolution. (Jawohl, liebe Kreationisten: Es ist Wissen und keine Hypothese – so weit man überhaupt von gesicherter Erkenntnis sprechen kann.)

Im Übrigen ist das Design der Welt weit davon entfernt, intelligent zu sein. Schmidt-Salomon fragt zu Recht:

Wie sollen wir uns erklären, dass dieser angeblich hyperintelligente Designer zunächst

  1. eine ungeheure Vielfalt von Dinosauriern erschuf, später
  2. einen riesigen Felsbrocken auf deren Heimatplanet einschlagen ließ, damit
  3. die Dinosaurier wieder aussterben, um so
  4. Platz zu schaffen für die vermeintliche Krönung der Schöpfung, Homo sapiens sapiens?

Dieses Zitat entstammt einer Debatte mit dem amerikanischen Kreationisten Dr. William Lane Craig, die Schmidt Salomon 2005 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf führte. Die Beiträge zu dieser Debatte sind auf der Website der Giordano-Bruno-Stiftung zu finden. Ich biete sie hier ebenfalls zum Download an.

Es gibt allerdings Naturwunder, die jeden Atheisten ins Grübeln bringen: Haben sich diese Leute mal überlegt, wie es kommt, dass eine Katze GENAU dort Löcher im Fell hat, wo die Augen sitzen? Wenn das kein Beweis für intelligent design ist …

Feinabstimmung

Feinabstimmung

Eine moderne Version des kreationistischen Gottesbeweises via intelligent design ist der Hinweis auf die Feinabstimmung des Universums. Das Argument, auch kosmologischer Gottesbeweis genannt, besagt, dass eine nur minimale Abweichung von den tatsächlichen physikalischen Größen diese Welt unmöglich machen würde. Diese Größen nun habe GOTT festgelegt, damit wir, die Menschen, die Krönung SEINER Schöpfung nach SEINEM Ebenbild, SEINEM Plan entsprechend entstehen, von IHM geschaffen werden.

Ich persönlich bin skeptisch bezüglich der Behauptungen hinsichtlich einer imaginierten Abweichung von physikalischen Größen. Physiker finden diese Größen vor und ziehen ihre Schlussfolgerungen. Diese Größen mögen andere auf eine Weise bedingen, die noch nicht bekannt ist. Wissen diese Wissenschaftler wirklich, was letztlich wäre, wenn? Schließlich lassen sich Naturkonstanten nicht versuchshalber verändern. Es lassen sich lediglich mathematische Modelle(!) darauf anwenden.

Nehmen wir aber einmal an, dass das, was die Physiker (manche Physiker?) behaupten, zutrifft. Was beweist das? Es mag sein, dass wir ohne die vorhandenen Bedingungen nicht existieren würden. Das bedeutet aber nicht, dass diese Bedingungen so sind, damit wir existieren. Das nämlich wäre ein finalistischer oder teleologischer (auf ein Ziel oder einen Zweck bezogener) Fehlschluss, wie es ein Philosoph nennen würde.

Domino

Ein Beispiel:
Ein Freund meines Vaters hat empfohlen, dass mein Bruder und ich die Bell's School of Languages in Cambridge besuchen. Dort lernte ich meine Frau kennen. Mit ihr habe ich drei Kinder, die mich mit wunderbaren Enkeln beglücken. Hat nun jener Freund die Empfehlung ausgesprochen, damit ich glücklicher Großvater werde? – Ich würde es gern seinen fraglos zahlreichen Verdiensten anrechnen (ich mag ihn sehr). So aber war es nicht. Ohne seine Empfehlung hätte ich zwar diese Enkel nicht (furchtbarer Gedanke) – das aber bedeutet keineswegs eine Finalität, eine Zweckorientierung dieses Ratschlags.

Auch aus dem Gebiet der Feinabstimmung sei ein weiteres, Atheisten verstörendes Faktum angeführt: Es ist doch ein Wunder, dass Wasser GENAU bei 0° gefriert und GENAU bei 100° kocht. Auch das ein starker Hinweis auf göttliche Fügung (meinte jedenfalls allen Ernstes eine christliche Bloggerin).

ontologischer Gottesbeweis

Der mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury konstruierte einen höchst eigentümlichen Beweis zur Existenz Gottes ein. (Ontologie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage nach der Existenz von etwas Seiendem. [ὄν = on = seiend])

Zunächst definiert er Gott als etwas, worüber hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann. Mit dieser Prämisse freilich führt er den ganzen Beweis ad absurdum: Er will die Existenz von etwas beweisen, dessen Existenz er voraussetzt, dem er gar Eigenschaften zuschreibt. Intellektuell unredlicher geht es nicht. (Zu seiner Ehrenrettung sei aber angemerkt, dass sich Anselm explizit an Gläubige wendet.)

Wenn nun Gott nicht existieren würde, so argumentierte unser Genie weiter, so könnte man sich etwas Vollkommeneres vorstellen, denn ein existierendes Seiendes ist vollkommener als ein nicht existierendes. Weil Gott aber vollkommen ist, muss er existieren.

Diese Argumentation scheint mir die intellektuelle Qualität von ist so – basta! zu haben. Wahrscheinlich bin ich aber zu beschränkt, um wahre Genialität zu erkennen.

Pascalsche Wette

Blaise Pascal

Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal bietet dem staunenden Publikum keinen Beweis, sondern eine Wette. (Macht nichts: Beweise sind die oben genannten Fiaskos ebenfalls nicht.)
Wetten scheinen in der Religion beliebt zu sein. Sogar der liebe Gott ist nicht abgeneigt, wie ich an anderer Stelle darlegte.

Pascal argumentierte, dass es sich auf jeden Fall lohne, auf die Existenz Gottes zu wetten. Wenn man das tut, also an ihn glaubt, kommt man im Fall seiner tatsächlichen Existenz in den Himmel (Gewinn = +∞). Im Fall seiner Nicht-Existenz verliert man nichts. Glaubt man aber nicht und irrt, kommt man in die Hölle (Gewinn = -∞). Andernfalls hat man nichts davon, wenn man Recht behalten hat.

Pascals Wett-Tabelle
Gott existiert existiert nicht
Glaube +∞ (Himmel) 0
Unglaube -∞ (Hölle) 0

Ich will diese auf den ersten Blick so überzeugende Wette gern ausführlicher kommentieren, vereinigt sie doch eine ganze Reihe von Denkfehlern.

Wett-Einsatz

Pascal unterstellt, dass die Wette keinen Einsatz habe. Es sei also umsonst, an Gott zu glauben. Tatsache ist, dass der Einsatz gigantisch ist. Es seien hier nur beispielsweise genannt:

Thor

Optionen

Die von Pascal genannten Optionen sind nicht akzeptabel. Es gibt eine Unzahl von Möglichkeiten, die die Wette hinfällig machen:

Zirkel-Schluss

Eine solche Wette geht nur ein, wer an einen ganz bestimmten, genau festgelegten Gott mit spezifischen Eigenschaften glaubt. Pascal macht somit den gleichen Fehler wie Anselm.

Beweis der Nicht-Existenz Gottes

Ok, vielleicht ist die Existenz Gottes wirklich nicht beweisbar. – Das Gegenteil kann aber auch nicht bewiesen werden.
Wenn also beides nicht beweisbar ist, aber auch nicht widerlegt werden kann, ist damit beides möglich. Es ist also ebenso wahrscheinlich, dass es Gott gibt, wie, dass es ihn nicht gibt.

Dieser Denkfehler ist ein Klassiker von Theisten aller Couleur. Bertrand Russell verdeutlichte diesen intellektuellen Kurzschluss genial durch sein Gleichnis von der Teekanne, wie ich bereits erwähnte.

Lassen wir einmal Wahrscheinlichkeitsüberlegungen beiseite. Auch die extreme Unwahrscheinlichkeit beweist ja nicht, dass die Teekanne / dass Gott nicht existiert. Ein solcher Beweis ist in der Tat nicht möglich – nicht zuletzt, weil niemand weiß, was mit Gott gemeint sein soll, wie oben schon angemerkt.

Es ist jedoch nicht zielführend, diesen Umstand zu bejammern. Es stellt sich vielmehr die Frage, welches Vorgehen bei diesem Dilemma sinnvoll ist. Hierzu hat der mittelalterliche Philosoph Wilhelm von Ockham eine höchst pragmatische Lösung geliefert. Sie ist bekannt als

Ockhams Rasiermesser

Wie kann ich mit begrenztem Wissen zu wahrscheinlichen Aussagen und praktikablen Lösungen kommen? Ockham empfahl, die einfachste Theorie zu bevorzugen. Einfach bedeutet hier, dass diese Theorie auf möglichst wenigen unbewiesenen Annahmen basiert und dass diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen.

Das sei an einem Beispiel demonstriert. (Ich habe es modifiziert von Schmidt-Salomons Diskussionsbeitrag Existiert Gott? übernommen.):

Blumenkasten

Ich gehe morgens zum Bäcker, um Brötchen zu kaufen. Ein Blumenkasten fällt auf meinen Kopf und erschlägt mich. Es sind nun verschiedene Erklärungen denkbar – zwei seien angeführt:

  1. Es könnte sein, dass die Halterung des Kastens korrodiert war und irgendwann mal brechen musste. Zufälligerweise geschah das gerade, als ich mich gerade darunter befand.
  2. Es könnte auch sein, dass der Vatikan von Aliens manipuliert wird. Diese Aliens sind daran interessiert, die Menschheit zu verblöden – deswegen haben sie den Vatikan erschaffen.
    Der Vatikan nun hat unter dem Einfluss der Aliens frühere Stasi-Agenten beauftragt, den Kasten auf mich fallen zu lassen, um dieses Machwerk hier zu verhindern und die Verblödung nicht zu gefährden.
StaSi

Vorab möchte ich klarstellen, dass ich beide Optionen nicht sonderlich schätze. Gleichwohl ist nach Ockham eine der beiden auszuwählen, die andere ist abzurasieren.

Sollte ich nun durch einen Blumenkübel enden, so ist die Version a. ohne Frage diejenige, von der man zunächst ausgehen sollte, da deutlich einfacher als b.. Darüber hinaus birgt b. auch logische Ungereimtheiten:

  1. Die Annahme, dass der Vatikan sich von Aliens beeinflussen lässt, ist albern. Der hat ureigenste Motive, Menschen zu verblöden.
  2. Die Stasi wiederum hat schwerlich Weisungen des Vatikans akzeptiert. Sie hing nicht der christlichen Religion an, sondern der des real existierenden Sozialismus.

Der Vorteil der einfachen Version a. ist, dass sie leichter überprüft werden kann: Ein Blick reicht, um zu klären, ob die Halterung des Kastens korrodiert ist. Sollte sich herausstellen, dass sie angesägt wurde, wäre Annahme a. falsifiziert (= widerlegt). Es muss dann nach einer anderen Erklärung gesucht werden. Die einfache Falsifizierbarkeit ist ein großer Vorteil – nur schwache Theorien vermeiden diese Möglichkeit ihrer Überprüfung. Eine solche schwache Theorie ist Religion, wie ich schon zeigte.

Selbstverständlich ist die einfachste Erklärung nicht automatisch die richtige. Trotzdem ist es richtig, zunächst von einfachen Zusammenhängen auszugehen, um sie zu prüfen. So kann dann eine Korrektur folgen – möglicherweise in Richtung erhöhter Komplexität.

Die Alien-Hypothese oben ist nun schwerlich zu prüfen. Schon die Existenz von Aliens ist im Gegensatz zu der von Rost an der Halterung nicht nachweisbar.

Es gibt allerdings noch eine Hypothese: Es war Gottes Entschluss, dass mich der Kasten trifft. Das scheint mir mit weitem Abstand die rasierpflichtigste Version zu sein: Das Wirken von Aliens über Vatikan und Stasi ist sehr viel wahrscheinlicher.

Die Alien-Hypothesen und die vom Wirken Gottes nenne ich Hyperthesen, wie an anderer Stelle ausgeführt.

Ockhams Rasiermesser