Exkurs: Toleranz

Wiederholt wird mir vorgeworfen, ich sei, nicht zuletzt in diesem krummen Opus, intolerant. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf – ähnlich dem einer unmoralischen Einstellung. Letzterer ist zutreffend, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe. Dort verwerfe ich Moral zugunsten von Ethik. Der Begriff Ethik eignet sich hervorragend, um meine ablehnende Haltung gegenüber jeglicher Moral zu verdeutlichen. Hinsichtlich der Toleranz gibt es keine Vokabel, die meine Position verdeutlicht. Daher muss ich den Toleranzbegriff genauer untersuchen.

Wikipedia führt unter dem Stichwort Toleranz nicht weniger als acht Begriffserklärungen auf. Zwei davon will ich aufgreifen – die allgemeinsprachliche und die technische.

Toleranz im Allgemeinen

Beim Vorwurf der Intoleranz wird in der Regel die allgemeinsprachliche Bedeutung des Wortes genutzt, also die Unduldsamkeit hinsichtlich jeglicher fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Eine solche Haltung wäre in der Tat inakzeptabel. Eine Haltung ist nicht deswegen falsch, weil sie fremd ist.

Im Gegenteil hierzu wird Toleranz gefordert, im Sinne einer Duldung jeglicher fremder Überzeugungen, womöglich sogar im Sinne einer Gleichberechtigung. Das ist freilich ebenso unsinnig: Eine Haltung ist nicht deswegen richtig, weil sie fremd ist.

Was also ist tolerabel oder gar akzeptabel, und was nicht? Genannt wurden schon die Kriterien richtig und falsch. Ist also richtiges zu tolerieren, falsches aber nicht? Hilft diese Unterscheidung weiter oder werden nur andere, ebenfalls unklare Begrifflichkeiten eingeführt?

Zunächst soll der zweite Toleranzbegriff geklärt werden, nämlich

Toleranz

Toleranz in der Technik

Ein Ingenieur hat in seinem Beruf keine Schwierigkeiten mit dem Toleranzbegriff. Er toleriert, was funktioniert. Wenn beispielsweise eine Schraube zu dünn ist, fasst ihr Gewinde nicht, wenn sie zu dick ist, passt sie nicht in das Loch der Mutter. Das ist so offensichtlich, dass jede Diskussion darüber lächerlich ist. Unser Ingenieur hat also eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dick die Schraube idealerweise ist und welche Abweichung er toleriert. Es wäre fatal, wenn er sich durch sein Bauchgefühl oder durch was sonst auch immer dazu verleiten ließe, mit den sehr engen Grenzen seiner Toleranz großzügig zu verfahren. Seine Arbeit würde ihm um die Ohren fliegen.

Schraube

Selbstverständlich sind Menschen keine Schrauben und deren Weltanschauungen sind schon gar nicht in DIN-Normen zu fassen. Ich reduziere auch niemanden auf funktionieren. Ich erwähne diese Trivialitäten ausdrücklich, um mutwilligen Missverständnissen vorzubeugen. Trotzdem bietet das Schrauben-Beispiel bedenkenswerte Gesichtspunkte:

Synthese

Toleranz hat etwas mit Grenzen zu tun.

… mehr noch: definiert Grenzen. Eine undifferenzierte Haltung gegenüber Weltanschauungen hat nichts mit Toleranz aber sehr viel mit Dummheit zu tun. Die unkritische Duldung oder gar die Akzeptanz einer jeden Weltanschauung ist das Gegenteil von Toleranz – mindestens ebenso problematisch wie prinzipielle Intoleranz. Wir ersparen uns sehr viele Probleme, wenn wir Goethes schwärmerischer Ausweitung der Toleranz nicht folgen:

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

Es gilt:

Klare Analyse ist Bauchgefühl vorzuziehen.

Goethes Freund Schiller proklamierte: Seid umschlungen, Millionen! Dieser Götterfunken fühlt sich politisch absolut korrekt an, entspricht genau dem Bauchgefühl des unbedarften Gutmenschen (wenn man in dessen diffusen Gefühlsgewaber überhaupt von Genauigkeit sprechen kann). Es ist dringend zu empfehlen, exakt zu analysieren, wen man umarmt und damit welche Ideologie. Sonst wird es geschehen, dass man mit Entsetzen (der Gutmensch pflegt betroffen zu sein) feststellen muss, dass einem einiges um die Ohren fliegt – und zwar mehr als die paar Schrauben unseres Ingenieurs, denn:

Großzügigkeit kann fatale Folgen haben.

Toleranz wird nicht selten schamlos ausgenutzt. Oft geschieht das verdeckt. Wer sich allerdings sicher wähnt, der wird gelegentlich deutlich. So Recep Tayyip Erdoğan, erst Ministerpräsident, jetzt Präsident der Türkei:

Demokratie ist wie eine Straßenbahn. Wenn du an deiner Haltestelle angekommen bist, steigst du aus.

Ich zitierte diesen Herrn bereits anlässlich meiner Ausführungen zu taqiyya. Demokratie und Toleranz sind hier austauschbar. Es geht diesen Trittbrettfahrern darum, Naive zu täuschen, bis die Haltestelle erreicht ist – und diese, da darf man ganz sicher sein, ist weit entfernt von Toleranz und Demokratie, wie der genannte Despot schon jetzt überdeutlich macht.

Es ist eine Tatsache, dass falsch praktizierte Großzügigkeit (in anderem Zusammenhang nennt sich das Appeasement) zu immer weiteren Forderungen nach vermeintlichen Ansprüchen führt.

Schieblehre

Die Frage nach richtig oder falsch

Was ist hinsichtlich der Toleranz-Problematik richtig, was ist falsch? Diese Frage bezieht sich auf zweierlei, nämlich einerseits auf das Objekt, dem mit Toleranz begegnet werden soll (oder eben auch nicht) und anderseits auf das Subjekt, das Toleranz ausüben soll (oder nicht).

Diese Fragen sind von unserem Ingenieur sehr leicht zu beantworten: Die zu tolerierende Dicke des Objektes, der Schraube nämlich, kann er mit einer Messlehre bestimmen. Er selbst, als bewertendes Subjekt, hat auch keine Probleme mit den zu ziehenden Konsequenzen: Jede Verletzung der klar definierten Grenzen der Toleranz ist nicht akzeptabel.

So einfach ist das in Bezug auf Menschen und deren Überzeugungen nicht, nicht einmal annähernd. Gleichwohl ist es möglich – und auch notwendig! – das Problem anzugehen.

Prüfung des Objekts

Ich will mit dem Objekt beginnen, also Dinge auf Toleranzwürdigkeit untersuchen. Diese Dinge sind bei der allgemeinen Nutzung des Toleranz-Begriffs Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Offensichtlich erforderlich ist zunächst eine Abklärung hinsichtlich der sachlichen Richtigkeit, also ob wahre Überzeugungen geäußert werden.

Ich nutze das schon unter wahre Religion angeführte mathematische Beispiel. Wenn jemand behauptet: 2+3=5, so scheint das tolerabel zu sein, jedes andere Ergebnis ist es sicher nicht. Nun pflegen mathematische Aussagen sehr strikt zu sein, strikter noch als Angaben hinsichtlich der zu akzeptierenden Dicke einer Schraube. Ich führe sie deswegen an, weil auch richtige Aussagen unter Umständen nicht zu akzeptieren sind, wie ich unten noch zeigen werde.

Wenn nun jemand behauptet: Das Schwein ist ein unreines Tier., so ist das zunächst eine Tatsachenfeststellung, deren Wahrheitsgehalt nicht so eindeutig ist, wie das Ergebnis einer Addition oder der Messung von Schraubendurchmessern. Aber immerhin: Die Sauberkeit von Schweinen kann näherungsweise festgestellt werden.

Bei der oben zitierten Aussage geht es jedoch gar nicht um objektivierbare Verschmutzung, sondern um eine besondere Definition von Unreinheit, nämlich um eine religiöse. Aus der Unterstellung der Unreinheit von Schweinen ergeben sich für Gläubige Konsequenzen – je nach Grad des Fundamentalismus unterschiedlich weitgehend:

und weiter:

Reaktion des Subjekts

Wie soll ich, das Subjekt, von dem Toleranz eingefordert wird, mit diesem Anspruch umgehen? Die Bandbreite der Reaktionsmöglichkeiten reicht von Anerkennung über Widerspruch, Duldung bis zur Bekämpfung.

Relevant ist wieder die Richtigkeit. Ich kündigte oben an, ich würde die Behauptung: 2+3=5 untersuchen. Es kommt sehr darauf an, wie das Objekt zu dieser Aussage kommt. Sie ist nach den Gesetzen der Mathematik natürlich korrekt. Wenn aber jemand behauptet, das Ergebnis folge daraus, dass das Fliegende Spaghettimonster festgelegt hat, dass das Ergebnis einer jeden Addition 5 ist, dann ist das nicht zu tolerieren. Dieser Hinweis ist wichtig, da einige moralische Aussagen der Religionen im genannten Sinne zugleich richtig (von der Sache) und auch falsch (von der Herleitung) sein können.

Nun zum Spektrum der Reaktionsmöglichkeiten. Zu akzeptieren, mehr noch: zu verinnerlichen, ist, was in jeder Hinsicht richtig ist. Letztlich führt jedes Leugnen von Tatsachen in eine Katastrophe, sei es, dass mir ein Motor um die Ohren fliegt, sei es, dass die Scharia eingeführt wird.

Falsches dagegen darf man sich nicht zu eigen machen, mehr noch: dem ist zu widersprechen. Ein solcher Widerspruch ist eine Tatsachenfeststellung und hat im Übrigen nichts mit Intoleranz zu tun. Er ist vom Grundrecht der freien Meinungsäußerung gedeckt. Das beanspruche ich auch für dieses krumme Opus.

So weit, so einfach. Was nun ist zu dulden, was zu bekämpfen? Die Meinung, dass Schweine unrein seien, ist falsch. (In freier Natur sind sie besonders reinliche Tiere.) Über deren irrige Verunglimpfung kann man aber wohl hinwegsehen, diese Aussage also dulden. Ebenso ist die Konsequenz, selbst Schweinefleisch zu meiden, zu dulden. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Was aber ist mit der Familie? Über Ge- und Verbote für Kinder entscheiden die Eltern. Das ist, wenn es den Kindern nicht schadet, in Ordnung. Darf aber ein Familiendespot über die Essgewohnheiten seiner Frau bestimmen? Darf der Priester über das Verhalten seiner Gemeinde, das Oberhaupt über alle Gläubigen bestimmen? Ich meine: nein. Denn, noch einmal: Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Ist das zu bekämpfen? Fraglos sind hier unsere Gesetze anzuwenden: Das Brechen unserer Gesetze, Zwang, Gewalt, Entmündigung auf Grund religiöser Fantasien dürfen nicht geduldet werden.

Noch eindeutiger ist die Lage hinsichtlich der Drangsalierung Unbeteiligter. Es ist absurd, die Umsetzung religiöser Verirrungen in der Allgemeinheit zuzulassen. Niemand muss sich vorschreiben lassen, was er isst. Auch sexuelle Orientierung, Kleidung – jegliches Verhalten ist nicht per göttlicher Autorität zu diktieren. Das nämlich wäre die Umkehrung der bisherigen Blickrichtung: nicht akzeptable Intoleranz jener, die meinen, vehement unsere Toleranz einfordern zu müssen. Wer das versucht, ist zu bekämpfen – verbal und, wenn erforderlich, durch konsequente Anwendung weltlicher Gesetze.

Fazit

Zusammenfassend ist festzuhalten: Was zu tolerieren ist, bestimmt sich nach Prinzipien der Ethik, nicht der Moral. Die Verletzung dieser Prinzipien hat Konsequenzen, die wir nicht wollen können. Deswegen ist richtig verstandene und konsequent praktizierte Toleranz so ungemein wichtig. Darauf nachdrücklich hinzuweisen, ist alles andere als intolerant.