Exkurs: Chloroform

James Young Simpson

Der schottische Geburtshelfer James Young Simpson (1811-1870) pflegte ein nicht ganz ungefährliches Hobby: Im Kreise seiner Freunde experimentierte er mit allen möglichen Drogen herum – so auch 1874 mit der Substanz, die der deutsche Chemiker Justus Liebig 16 Jahre zuvor erstmals hergestellt hat: Chloroform. Zum großen Amüsement der Runde sank, wer diese Dämpfe einatmete, bewusstlos auf den Teppich. Wie wir heute wissen, ist dieser Spaß nicht ganz ungefährlich: Die therapeutische Breite ist nicht unbegrenzt, d.h. es kann durchaus zu Überdosierungen kommen, die auch tödlich enden können.

Chloroform

Nun – James Simpson hatte nicht nur Spaß, sondern auch Glück und vor allem eine Idee: Als Geburtshelfer wusste er sehr genau um mögliche Schrecken der Geburt, um die ungeheuren Qualen, die die Mütter unter ungünstigen Situationen ausstehen mussten – Qualen, die nicht selten tödlich endeten. Die tiefe Bewusstlosigkeit, die Chloroform schlagartig erzeugte, könnte man doch bei den verzweifelten Müttern einsetzen.

Nur 5 Tage nach dem Selbstversuch narkotisierte er eine werdende Mutter und entband sie absolut schmerzfrei von einem gesunden Kind. Das bedeutete einen heute kaum zu ermessenden Durchbruch. Das sprach sich auch herum – nicht nur bei den bedrängten Müttern, sondern auch beim Klerus der anglikanischen Kirche. Denen ist das Leiden der Frauen herzlich egal. Es geht um die heilige Lehre. So heißt es in Genesis 3,16

Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

Simpsons bahnbrechende Entdeckung bedeutete also eine Missachtung des göttlichen Willens. In den Qualen der Geburt sehen die Kleriker die gerechte Strafe für Evas Sündenfall. Es geht ja nur um Menschen, weniger noch: um Frauen – und der Mensch ist nach Sirach 10,9 nur Dreck:

Was überhebt sich der Mensch, der nur Erde und Asche [Luther: Schmutz und Kot] ist? Ich habe doch seinen Leib schon zu Lebzeiten verworfen.

Das allerdings gilt selbstverständlich nicht für das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Queen Victoria. Sie wurde 1853 mittels Chloroform von ihrem achten Kind entbunden und – o Wunder! – aus dem Ketzer James Young Simpson wurde ein Baron, und seine Entdeckung wurde endlich anerkannt.

Diese, das Leiden des religiösen Fußvolkes ignorierende Verhalten, ist nicht etwa eine einzigartige sadistische Verirrung der anglikanischen Kirche. Die heilige Mutter Teresa, um ein besonders widerliches Beispiel anzuführen, ignorierte das Leiden der Armen keineswegs, sondern ergötzte sich sogar daran:

Es liegt etwas Schönes darin, die Armen ihr Schicksal akzeptieren [?!] zu sehen, es zu erleiden wie die Passion Christi.

Für sie selbst, diesen widerwärtigen Ghul von Kalkutta, galt das in Parallele zu Victoria natürlich nicht. Sie hat sich am Ende ihres Lebens in den USA behandeln lassen, hat damit ihr eigenes Leiden mit den humaneren Methoden der palliativen Medizin gelindert.

siehe:

Text

Was verlieren wir mit der Religion?

Stichworte

Teresa, Mutter