Das buddhistische Menschenbild

Jede Kultur und damit unlösbar verbunden jede Religion hat ihre eigenes, spezifisches Bild vom Menschen. Diese Tatsache mag trivial erscheinen, ist aber von grundlegender Bedeutung zum Verständnis ihrer Aussagen. Das jeweilige Menschenbild entspricht dem "common sense", wird also meist stillschweigend vorausgesetzt. Das führt zu gravierenden Missverständnissen, wenn sich Menschen außerhalb von Religionen mit diesen beschäftigen, wie es in Europa derzeit mit dem Buddhismus geschieht. Ein besonders eindrückliches Beispiel für solche Fehlinterpretationen will ich anhand der Vier Edlen Wahrheiten (1) anführen.

Geradezu traditionell wird die buddhistische Weltsicht als pessimistische gedeutet. Mit diesem Irrtum habe ich mich schon ausführlich auseinandergesetzt. (2) Dieses Verständnisproblem beruht, wie ich zeigen will, auf den unterschiedlichen Menschenbildern, welche in unser heutigen abendländisch-christlich geprägten Kultur und der des Buddha 500 vor Christus in Indien vorherrschten.

Unsere Kultur ist nach meinem Dafürhalten die eher pessimistische, was das Selbstverständnis angeht. Sie ist in stärkerem Maße von der Idee einer grundlegenden Schlechtigkeit des Menschen geprägt, als gemeinhin realisiert wird. Diese Vorstellung kristallisiert sich in dem Begriff der "Erbsünde", der keineswegs etwa längst überwundenes Gedankengut des finsteren Mittelalters ist, sondern die Menschen auch heute noch quält. Um Erlösung und Befreiung von dieser "grundlegenden Verderbtheit" zu erlangen, bedarf es "göttlicher Gnade", wie sie nach christlicher Vorstellung etwa durch Taufe, Beichte oder letzte Salbung zuteil wird.

Diese Weltsicht um den Begriff der Erbsünde ist bestimmt von einem negativen Menschenbild, welches zu entsetzlichen Verirrungen geführt hat (3): Wenn der ungetaufte oder gar heidnische Mensch von Grund auf sündig und damit minderwertig, des Teufels ist, so hat sich mancher Christenmensch zu seiner Aufgabe gemacht, der Gnade Gottes nachzuhelfen durch Zwangsbekehrung oder Ausmerzung.

Der Buddhismus nun hat einen ganz anderen, nahezu entgegengesetzten Ansatz: Er hält dem Menschen für grundlegend gut. Diese Vorstellung kommt im Begriff der "Buddha-Natur" zum Ausdruck. Jeder Mensch, so der Buddhismus, ist im Grunde dem Buddha gleich, ja ist Buddha. Das offensichtliche Übel dieser Welt und damit das Leiden, das wir erfahren müssen, beruht darauf, dass unsere wahre Natur getrübt oder verschüttet ist durch Gier, Hass und Verblendung.

Hier findet sich der Bezug zu den Vier Edlen Wahrheiten: Die erste, die des Leidens, beschreibt sowohl die offensichtliche als auch die weniger bewusste Leidhaftigkeit des Daseins. Die zweite Wahrheit von den Ursachen des Leidens zeigt auf, dass diese durch "Befleckungen" (pali: kilesa), nämlich Gier, Hass und Verblendung hervorgerufen werden. Die dritte Wahrheit von der Aufhebung des Leidens kann als die Wahrheit vom Glück und der Erlösung aufgefasst werden. Wer das buddhistische Menschenbild verinnerlicht hat, dem ist das offensichtlich: Sind die Verunreinigungen beseitigt, so kommt die Buddha-Natur, die uns allen eigen ist, in aller Klarheit zum Vorschein. Der Weg zu diesem Glück, der in der vierten Wahrheit aufgezeigt wird, ist der des Achtfachen Pfades (4), Anweisungen zur Befreiung aus eigener Kraft und Anstrengung heraus. (5)

Die Edlen Vier Wahrheiten sind also mit einigem Recht für unseren Kulturkreis zu formulieren als die Edle Wahrheit …

  1. vom Leiden
  2. von der Ursache des Leidens
  3. vom Glück
  4. von der Ursache des Glücks

So betrachtet lehrt der Buddhismus den Weg zum Glück. Dieses ist die Essenz der Lehre, wie auch der Buddha formulierte: (6)

Wie das große Meer … nur einen Geschmack hat, den des Salzes, so hat … auch diese Lehre und Disziplin nur einen Geschmack, den der Erlösung.

Der Unterschied zum christlich-abendländischen Menschenbild wird deutlich: Beide Sichtweisen sehen den Menschen als unvollkommen an, der leider nur allzu offensichtlichen Realität entsprechend. Während das Christentum aber primär vom schlechten Menschen, dem "alten Adam", ausgeht, sieht der Buddhismus die Buddha-Natur als dessen Urgrund. Einerseits Erbsünde – anderseits Kamma, die Lehre vom selbst-verantworteten Tun und dessen Folgen.

Das im Buddhismus begründete Menschenbild begründet nach meinem Empfinden eher tolerantes Verhalten gegenüber Andersgläubigen als das christliche. Das wird auch im Verhalten des Buddha deutlich. Wenn sich jemand allzu spontan zu seiner Lehre bekannte, warnte er sogar vor übereilter Konversion, so unter anderen den Jaina-Anhänger Siha, einen einflussreichen General. Als Siha trotz der Bitte des Buddha, seinen Übertritt zum Dhamma nochmals zu überdenken, Gotamas Lehre annahm, ermahnte der Meister ihn, den Jaina-Mönchen auch weiterhin Almosen zu geben. (7) Ermahnungen zur Toleranz sind sicherlich auch in der christlichen Lehre, hier vor allem am Beispiel Jesu, zu finden. Die Einstellung des Buddha, wie eben beschrieben, erreicht Jesus aber nach meinem Wissen bei weitem nicht.

Anmerkungen:

1 Die Vier Edlen Wahrheiten sind die
  1. vom Leiden,
  2. von der Entstehung des Leidens,
  3. von der Leidensaufhebung,
  4. vom Weg zur Leidensaufhebung.
Diese Vier Wahrheiten bilden das Fundament der buddhistischen Lehre.
2 vgl. Text Darf man sich nicht freuen?
3 … und wohl auch immer wieder führen wird. Der alltägliche Fremdenhass zum Beispiel geht ja auch von der prinzipiellen Minderwertigkeit des anderen und der eigenen Überlegenheit aus – allein aufgrund kultureller Unterschiede.
4 Achtfacher Pfad:
  1. Rechte Ansicht,
  2. rechter Entschluss,
  3. rechte Rede,
  4. rechtes Verhalten,
  5. rechte Lebensführung,
  6. rechte Anstrengung,
  7. rechte Achtsamkeit,
  8. rechte Meditation.
5 Hier skizziere ich die Haltung des Theravada-Buddhismus. Auch die Mahayana-Tradition hat mit "Göttlicher Gnade" nichts zu tun: Auch hier ist der Mensch eigenverantwortlich für sein Tun und nicht etwa durch Erbsünde belastet.
6 zitiert nach H.W. Schumann, Buddhismus Schulen, Stifter u. Systeme, Walter Verl.
7 zitiert nach H.W. Schumann, Der historische Buddha, Diederichs Gelbe Reihe
Pippala-Blatt