Darf man sich nicht freuen?

Diese Frage stellte mir meine Tochter Julia vor geraumer Zeit. Ich hatte versucht, sie zu trösten – liebe Freunde waren abgereist und sie weinte deswegen bitterlich. Ich sagte ihr, dass sie nicht traurig sein soll, es wäre ganz natürlich: Alle Dinge, die erfreulichen wie die widerwärtigen sind irgendwann einmal zu Ende. Wenn man sich nun über etwas sehr freut, die Anwesenheit von Freunden etwa, dann empfindet man selbstverständlich das Ende dieses erfreulichen Umstandes als Verlust. Julia fragte mich darauf: "Darf man sich denn gar nicht freuen?"

Es ist nicht leicht, darauf schlüssig zu antworten - die Frage ist durchaus berechtigt. So heißt es doch:

Sobald Du etwas haben willst Für dich, für dich allein,
So stellt sich auch im Augenblick
Das Leid des Lebens ein.

Sobald Du nichts mehr haben willst
Für dich in weiter Welt,
so schwindet jedes Leid dahin,
Das Dich in Banden hält.

Darum ist glücklich, ohne Leid,
Wer nichts für sich verlangt,
Es gibt in weiter Welt nichts mehr,
Um das sein Herz noch bangt.

Weiter liest man:

Wer hundertfaches Liebes hat, […] für den gibt es hundertfaches Leid. Wer neunzigfaches Liebes hat für den gibt es neunzigfaches Leid. … Wer ein Liebes hat für den gibt es ein Leid; wer kein Liebes hat für den gibt es kein Leid. Frei von Schmerz, frei von Unreinheit, frei von Verzweiflung sind sie: so sage ich.

Diese Textstellen scheinen der Frage, oder besser: der Anklage Julias Recht zu geben und wieder einmal zu belegen, dass der Buddhismus eine freudlose, finstere und pessimistische Angelegenheit ist. Mit dieser Ansicht habe ich mich mehrmals auseinandergesetzt und aufgezeigt, dass sie falsch ist. (1) Ich halte diesen Gesichtspunkt aber für so wichtig, dass ich hier noch einmal darauf zurückkommen will. Gerade die oben zitierten Textstellen scheinen die negativistische Auffassung des Buddhismus zu belegen – ein Irrtum, auf den bereits Lama Anagarika Govinda in seinem Buch "Buddhistische Reflexionen" hingewiesen hat.

Wie also ist Julias Frage zu beantworten? Zunächst einmal: Selbstverständlich darf man sich freuen! Um es sogar schärfer zu formulieren: Man soll sich an den schönen Dingen des Lebens freuen, sie nicht wahrzunehmen entspräche mangelnder Achtsamkeit. Vom Buddha selbst wird berichtet, dass er seinen Schüler Ananda immer wieder hierauf hingewiesen hat, etwa auf die Schönheit der Landschaft, die sie gemeinsam durchwanderten. Die Welt als durchgehend unerfreulich anzusehen entspräche nicht der offensichtlichen Realität der Dinge. Merkmal der Erleuchtung hingegen ist, die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich sind. Gäbe es keine freudvollen Dinge, wie könnte man die Tugend der Mitfreude (2) üben?

Das Missverständnis liegt in der Tatsache, dass nicht "die Dinge an sich" leidvoll sind, sondern vielmehr die Art, wie wir mit ihnen gemeinhin umgehen. Das Problem liegt im Anhaften, "Tanha" oder "attachment" wie Lama Anagarika Govinda im oben genannten Buch es nennt. Dieses ist mir in der Tat einleuchtend: Es ist widersinnig zu behaupten, Dinge seien leidvoll, weil sie erfreulich sind. Das Problem liegt darin, dass die Wahrnehmung "erfreulich", "angenehm", "lecker", "sexy" und so weiter sofort mit der Geistesregung des Besitzen- und Behaltenwollens verknüpft wird. Diese Geistesregung (3) folgt in derartig engem Automatismus, dass die Begriffe "attraktiv" oder "begehrenswert" quasi synonym mit den oben aufgezählten empfunden werden. Es bedurfte der profunden wahrnehmungstheoretischen Analyse des Buddha vor 2500 Jahren(!) um den vermeintlich unbedeutenden Schritt von Wahrnehmung zu Geistesregung zu erkennen – ein Schritt, der in seiner Bedeutung kaum unterschätzt werden kann, der aber oft übersehen wird.

Gerade in diesem Schritt von Wahrnehmung zu Geistesregung entsteht Anhaftung oder, was das gleiche mit negativem Vorzeichen ist, Ablehnung, Gier und Hass also, um es prägnanter zu formulieren. Aus dem Anhaften entsteht Leiden, wie oben gezeigt.

Um auf die Tugenden zurückzukommen: Neben der Tugend der Mitfreude wird die des Gleichmutes genannt. Hier liegt der Schlüssel zur Lösung der Frage "Darf man sich nicht freuen?". Gleichmut schafft das scheinbar Unmögliche, nämlich sich trotz Freude über Angenehmes nicht zu grämen, wenn dieses vergeht, so wie alles ja vergehen muss.

Die große Lebenskunst liegt in der Erlangung dieses Gleichmutes, der Krönung und Vollendung der ersten drei Erhabenen Weilungen (4), Liebe, Mitleid und Mitfreude. Gleichmut ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit: Erstere erkennt mittels Achtsamkeit die Dinge in ihrem Wesen, seien sie nun erfreulich, unerfreulich oder indifferent, letztere ist Stumpfheit, also das Gegenteil.

Ich denke, ein wichtiger Zugang zum Gleichmut liegt in der Anatta-Lehre, in der Erkenntnis der Leere, der Nicht-Existenz eines dauerhaften, unabhängigen Ich. Um es etwas flapsig auszudrücken: Wenn ich mich selbst nicht allzu wichtig nehme, worüber soll ich mich dann aufregen?

Anmerkungen:

1 vgl. Text Das buddhistische Menschenbild
2 Mitfreude (Mudita) gehört zu den Brahma-Vihara als da sind:

Metta = grenzenlose Güte
Karuna = grenzenloses Erbarmen
Mudita = grenzenlose Mitfreude
Upekkha = grenzenloser Gleichmut
3 Diese Geistesregungen gehören zu den Bestandteilen (khanda), die die empirische Person ausmachen.
Diese Persönlichkeitsbestandteile sind:
  1. Körper
  2. Empfindungen
  3. Wahrnehmungen
  4. Geistesregungen
  5. Bewusstsein.
4 Zitat Nyanaponika Mahathera, Quelle: Buddhistische Monatsblätter 1995-XLI 9/10
Pippala-Blatt