Entstehung des Weltbildes

Bisher haben wir die Evolution des Intellekts betrachtet. Hierzu haben wir ihn als Sinnesorgan angesehen, das sich ein Bild von der Wirklichkeit macht, indem er die Informationen durch die anderen Sinnesorgane interpretiert.

Diese Interpretation wird zum einen durch die physikalischen Gegebenheiten der Sinnesorgane beeinflusst; zum anderen aber spielt die Gesamtheit der vorher gewonnenen Informationen, das bereits bestehende Weltbild also, eine entscheidende Rolle.

Es ist zu untersuchen, wie dieses Weltbild entsteht. Es mag irritierend sein: Ein Weltbild im oben skizzierten Sinne besteht schon bei der Geburt. Die Reize, die auf ein Neugeborenes treffen, werden instinktiv gewertet.

Instinkt

Instinktverhalten sind nach Charles Darwin Verhaltensweisen, die vollkommen ohne Erfahrung schon beim erstmaligen Ausführen beherrscht werden. Er erweiterte den Begriff auf solche Verhaltensweisen, die durch Erfahrung erworben wurden. Wie auch immer: Informationsspeicher eines Neugeborenen ist keineswegs leer, sondern enthält schon Programme, anhand derer es in der Lage ist, sinnvoll zu reagieren. Sinnvoll bedeutet hier: Im Sinne des Überlebens per Evolution entwickelt.

Lernen

Lernen

Ein Informationserwerb über die beschriebene Basisausstattung und direkte Erfahrung hinaus ist ohne Frage dem Überleben ausgesprochen förderlich. Es ist häufig tödlich, alle Erfahrungen selbst zu machen. Die Möglichkeit zur Kommunikation ist daher im Sinne Evolution der höchst sinnvoll.

Der Begriff Kommunikation ist hierbei weit zu fassen. Hierunter ist der Warnruf eines Erdmännchens ebenso zu verstehen wie auch dieser Text. Auch Tiere sind in der Lage, durchaus komplexe Inhalte zu vermitteln. Ein verblüffendes Beispiel sind Blaumeisen, die in den 20er Jahren in Southampton gelernt hatten, den Folienverschluss von Milchflaschen zu öffnen, um an den oben abgesetzten Rahm zu gelangen. Diese Fähigkeit war in kurzer Zeit nicht nur bei einem Vogel, sondern bei vielen in der Umgebung zu beobachten, musste also wohl irgendwie kommuniziert worden sein.

Ein weiteres Beispiel sind Krähen, die mit Hilfe von Autos Nüsse knacken: In Japan sind sie auf den Dreh gekommen, Nüsse bei Ampeln zu platzieren, um sie von Autos überrollen zu lassen. Bei Rotphasen machen sie sich dann über die Kerne her. Auch das ist ein Verhalten, das erlernt und nicht per Instinkt angeboren wurde.

Ob es sich bei den angeführten Beispielen tatsächlich um Lernen von per Kommunikation übermittelten Inhalten handelt, ist wissenschaftlich umstritten – eine Vorstufe hierzu scheint es mir zumindest zu sein. Unstrittig ist, dass der Mensch in der Lage ist, zu kommunizieren, das heißt, Informationen mitzuteilen und aufzunehmen.

Diese Informationsübermittlung hat zu einer gewaltigen Erweiterung des Weltbildes geführt. Der Mensch kann enorm vom Wissensschatz seiner Vorfahren profitieren, wenn er deren Erfahrungen aufnimmt. – Ja, wenn.

Lernfähigkeit

Wie schon beschrieben, ist die Festplatte des Neugeborenen keineswegs leer, aber doch sehr aufnahmefähig. Informationen werden geradezu aufgesogen. Eine Filterung findet bei nur wenigen vorhandenen Inhalten kaum statt. Jetzt werden die Fundamente des Weltbildes gelegt, das später nur noch mühsam zu modifizieren ist, werden doch folgende Informationen anhand der vorhandenen gewertet. Psychologen betonen zu Recht, dass diese frühkindliche Prägung entscheidend für das spätere Leben ist.

Wie gezeigt, hat die Entwicklung des Geistes durch die Fähigkeit zur Kommunikation einen enormen Schub erhalten. Diese Fähigkeit ist bei Tieren bereits ansatzweise vorhanden, wurde aber erst beim Menschen durch eine differenzierte Sprache und dann durch Schrift gewaltig gesteigert. Das geschah vom Blickwinkel der Evolution aus in kurzer Zeit: Vor etwa 100.000 Jahren waren Aufwölbung des Gaumens und die Absenkung des Kehlkopfes so weit ausgeprägt, dass Sprechen im heutigen Sinne möglich wurde. Die ältesten Schriftfunde sind 6.000 Jahre alt. Zur Erinnerung: Die Evolution des Auges begann vor 500.000.000 Jahren.

Entwicklung der Hardware

Hubble-Teleskop

Folge des Entwicklungsschubes durch Lernen ist ein Schub in der Entwicklung der Sinnesorgane. Ich meine hier Sinnesorgane im weitesten Sinne. Unsere Vorfahren waren beispielsweise auf die physikalischen Vorgaben ihrer Augen beschränkt. 1675 entdeckte Antoni van Leeuwenhoek erstmalig Mikroben unter seinem Mikroskop. 1931 wurde das erste Elektronenmikroskop gebaut. So viel zur Entwicklung zur optischen Darstellung kleiner Strukturen. Die Erforschung ferner Welten machte ähnliche Fortschritte von einem der ersten Fernrohre, das Galileo Galilei 1609 baute, bis hin zum Hubble-Teleskop; es wurde 1990 gestartet.

Diese extreme Erweiterung des Horizonts vom unvorstellbar Kleinen zum unvorstellbar Großen ereignete sich in etwa 400 Jahren – vor den Zeitdimensionen der Evolution ein Augenblick. Bemerkenswert ist die hieraus folgende Beschleunigung dieser Horizonterweiterungen: Die Erfindungen folgen einander immer rascher, die hierdurch möglichen Entdeckungen freilich auch.