Exkurs: Was ist Moral, was Ethik?

Der Duden definiert Moral als

Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden.

Somit differenziert der Duden nicht zwischen Moral und Ethik, nutzt beide Begriffe synonym, ähnlich auch Wikipedia.

Diese Definitionen sind natürlich nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss oder sonst in irgend einer Weise absolut verbindlich. Ich schlage vor, die beiden Begriffe, Moral und Ethik, zu trennen, um einer größeren sprachlichen und damit gedanklichen Klarheit willen. Tatsächlich wird bereits im allgemeinen Sprachgebrauch gelegentlich deutlich differenziert, was aber nicht immer bewusst ist. So existieren beispielsweise Ethikkommissionen, meist mit medizinischem Hintergrund. Niemand käme auf die Idee, von einer medizinischen Moralkommission zu sprechen. Allein die Vorstellung löst Unbehagen aus.

Was aber ist der Unterschied zwischen Moral und Ethik? Ich möchte hier einen Vorschlag zur Differenzierung machen, indem ich Eigenheiten beide Begriffe kontrapunktisch gegenüberstelle. Jeder dieser Gegensätze ist eine Diskussion wert, die ich hier auch anschneide (Klick auf Symbol dazwischen).

Moral Ethik
gut und böse fair und unfair
Gehorsam Einsicht
Religion Aufklärung
Strafe Konsequenz
ewige Gültigkeit angemessene Varianz
Willkür Nachvollziehbarkeit​
Macht Selbstbestimmung
Fazit

gut / böse ↔ fair / unfair

Onanie

Moral legt fest, was gut und was böse ist - Ethik fragt dagegen nach fair und unfair. Das ist ein gewichtiger Unterschied. So kann Onanie – ich habe dieses griffige Beispiel schon einmal angeführt – niemals unfair sein, ist also ethisch nicht zu beanstanden. Sehr wohl aber wird die abscheuliche​ Sünde der Selbstbefleckung​ von nicht wenigen Geistlichen als böse und damit als moralisch verwerflich gewertet.

Es ist offensichtlich, dass die Einforderung völliger sexueller Abstinenz nicht realistisch und damit nicht einhaltbar ist, dass die abscheuliche Sünde also zwangsläufig begangen wird. Jener Seelsorger, der hieraus folgende Schuldgefühle ja gezielt provoziert hat, ist nun auch zuständig für die Vergebung der erzwungenen Schuld.

Vermeintlich schuldig in der willkürlich intrumentalisierbaren moralischen Hinsicht ist somit der Onanist. Tatsächlich schuldig hinsichtlich der rational nachvollziehbaren Ethik macht sich der Seelsorger: Er sorgt für sachlich unbegründete Schuldgefühle, deren Entsorgung er zynischerweise ebenfalls bietet. Unfairer geht es kaum - das perfide psychische Verbrechen um die Erbsünde vielleicht ausgenommen. Hier haben die Sünder noch weniger Chance, der ekelhaft-verlogenen Gnade der Kirche zu entgehen.

In Sachen Sexualität stehen rationale Ethik und christliche Moral häufig in diametralem Gegensatz.

Gehorsam ↔ Einsicht

Gehorsam

Ethische Prinzipien folgen, wie oben ausgeführt, Abwägungen hinsichtlich der Fairness. Sebstverständlich kann nicht vorgeschrieben werden, was fair und was unfair ist. Es bedarf also, ich wiederhole mich, einer Abwägung, aus der dann die entsprechende Einsicht folgt.

Sehr wohl vorgeschrieben die Differenzierung hinsichtlich gut und böse in Form von Ge- und Verboten. Diese sind nicht weiter zu hinterfragen, sind unkritisch zu befolgen. – Es ist ihnen zu gehorchen.

Religion ↔ Aufklärung

Kant

Moral gehört eindeutig zur Domäne der Religion. Das wird schon im Begriff Religion = rem ligere = eine Sache binden deutlich. Religion bindet ihre Abhängigen durch Schuldgefühle an Moral und die Absolution von dieser Schuld bindet an die Religion. Dieser perfide Teufelkreis wird durch die Einsichten der Aufklärung durchbrochen – ein Prozess, der allerdings bei Weitem noch nicht beendet ist.

Strafe ↔ Konsequenz

Das Diktat der Moral wird durch absurde Strafandrohungen bekräftigt. In besonders widerwärtiger Weise hat sich hier der Juniorchef hervorgetan, wie ich schon anmerkte. Diese Strafen wurden nicht nur in Form des Höllenfeuers für das Jenseits angedroht, sondern durchaus schon auf Erden vollstreckt. Die Scheiterhaufen haben zwar ausgedient. Die Implantation von Angst und Gewissensqualen wird aber noch immer gewissenhaft praktiziert.

Der Straf-Gedanke im Sinne der Vergeltung des Bösen ist noch immer präsent, auch in der sich weltlich wähnenden Justiz. Das allerdings wandelt sich in der moderneren Rechtsauffassung.

Die Problematik der Strafe ist umfassend und sprengt den Rahmen dieser Präsentation. Näheres findet sich im Buch von von Schmidt-Salomon: Jenseits von gut und böse - Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.

Ethik dagegen bedarf der Strafandrohung nicht. Wer sich unfair verhält, wird entsprechend behandelt werden, wird also die Konsequenzen zu tragen haben. Diese Konsequenzen können im Ausmaß durchaus den Strafen im herkömmlichen Sinne entsprechen. Die Durchsetzung von Fairness aber ist ein prinzipiell anderer Ansatz als der der Vergeltung oder gar der Rache.

ewige Gültigkeit ↔ angemessene Varianz

Vorgegebene moralische Gesetze gelten, da göttlichen Ursprungs, ewig und unbedingt – so die allgemeine Meinung. Das ist natürlich Unsinn. Als Beispiel sei das Tötungsverbot angeführt, wie im fünften Gebot festgelegt. Für den Chef selbst gilt das freilich nicht. Das alte Testament ist voll von grauenhaften Völkermorden, die auf Befehl Gottes und mit dessen Hilfe verbrochen wurden. Ein hübsches Beispiel für die sich wandelnde Moral sind auch Waffensegnungen, die seit dem 10. Jahrhundert üblich waren und mit den Reformen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) in der katholischen Kirche abgeschafft wurden. Das ändert aber nichts an der imaginierten Aura der Ewigkeit moralischer Gesetze.

Ethik dagegen ist Sache der Einsicht – und Einsichten können unter Einfluss tatsächlicher Gegebenheiten sich ändern, entsprechen in diesem Punkt wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ja als Hypothesen auch immer vorläufig sind.

Willkür ↔ Nachvollziehbarkeit​

Ein alter und weit verbreiteter Grundsatz der praktischen Ethik lautet:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Dieses Prinzip findet sich seit Urzeiten in vielen Kulturen, so China, Indien, Persien, Altägypten und Griechenland. Das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener bedingt direkt nachvollziehbare Einsichten, die zu ethischem Handeln führen – wenn sie denn befolgt werden.

Moral dagegen, obwohl als ewig phantasiert, folgen willkürlich wechselnden Interessen. Moral widersetzt sich nach Kräften einer sachlichen Überprüfung und ist somit eben nicht nachvollziehbar, was ihre vorgeblichen Prinzipien angeht. Die tatsächliche Intention allerdings offensichllich: der Erhalt und die Mehrung kirchlicher Macht.

Macht ↔ Selbstbestimmung

Moral dient dem Machterhalt, wie oben dargelegt. Der Gläubige muss aufgrund der uneinhaltbaren moralischen Vorgaben schuldig werden und ist damit auf die Absolution durch die Beschuldiger angewiesen. Eine wahrhaft perfide Praxis, der mit allen Nachdruck zu begegnen ist.

Ethik ist der Gegenpol zu Moral und gibt uns die Möglichkeit zu diesem Nachdruck. Das ist im Sinne der körperlichen und intellektuellen Selbstbestimmung unabdingbar.

Fazit

Um der Fairness, der Einsicht, der Aufklärung, der Konsequenz, der angemessenen Varianz, der Nachvollziehbarkeit, der Selbstbestimmung willen: Moral und Ethik sind streng auseinander zu halten. Wo Moral der Ethik widerspricht, gebietet es die Ethik, unmoralisch zu sein, ja: Moral offensiv zu bekämpfen. Ethik ist so viel mehr wert als Moral.

Genau genommen: Moral ist überhaupt nichts wert. Darum:

Sei anti-moralisch!